Bei diesem Text handelt es sich um einen Vorabdruck in DER FREITAG aus dem Band »HEGEL to go. Vernünftige Zitate« von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, ausgewählt und zusammengestellt von Dietmar Dath und Marlon Grohn. Der Band erscheint im Verlag Neues Leben und ist ab sofort erhältlich.

Es gibt immer noch Leute, die Hegel nicht gelesen oder verstanden haben. »HEGEL to go« hilft ...

Hegels Geburtstag jährt sich 2020 zum 250. Male. Anlass, um noch einmal die Wirkung dieses bis heute sehr folgenreichen Philosophen zu rekapitulieren. Zum Beispiel ließe sich fragen, ob nicht die gesamte geistige Weltauseinandersetzung seit Hegel letztlich darauf beruht, dass Anti-Hegelianer – bzw. Leute, die Hegel nicht gelesen oder begriffen haben – den Hegelianismus zu torpedieren versuchen, während dieser lediglich das Feld der Vernunft ausmacht. Und ob gerade dieses Ringen von einander widerstreitenden Bewegungen Hegel letztlich gefallen hätte. Denn aus diesem Widerstreit ergibt sich das, was Hegel Dialektik nannte, nämlich alles Weitere – der Fortschritt. Zu Peter Hacks, der schrieb, es wäre das Paradox des Fortschritts, „dass er von Leuten, die alle den Hegel nicht gelesen haben, zustande gebracht“ sei, hätte Hegel wohl gesagt, dass dieses „Paradox“ im Fortschritt schon immer mitgefasst werde und es einerlei sei, ob einer ihn gelesen habe – oder nicht. Denn es kümmert den Fortschritt ja nicht, ob er durch Leute, die Hegel gelesen haben, oder durch solche, die ihn nicht gelesen haben, zustande kommt. Für dieses Phänomen hatte Hegel einen Begriff: die List der Vernunft. Die Vernunft setze sich ohnehin über die (und mittels der) Köpfe der einzelnen „welthistorischen Individuen“ durch.

Das bedeutet: Es war etwa für Napoleon nicht nötig, Hegel zu lesen, um den napoleonischen Fortschritt durchzusetzen. Die hegelsche Bewegung geht vielmehr andersherum: Napoleons Politik war nötig, damit es Hegels Denken geben konnte. (Womit Hegel wiederum seinen materialistischen Nachfolgern wie Marx und auch Hacks vorab recht gab.) Hegel verleiht der ohnehin waltenden Vernunft lediglich die Stimme.

Man könnte also sagen, die hegelsche Philosophie ist die unsichtbare, eine, die unterhalb des Radars verläuft. Aber das wäre nicht ganz richtig, denn sicherlich hat sie ebenso ihr Sichtbares, ihr real Wirksames: Hegels Lehre hat – wie alle Lehren – eine esoterische und eine exoterische Seite: Die esoterische findet sich in den Gelehrten-Diskussionen an den Universitäten, die exoterische Seite ist der geschichtliche Verlauf dieser Welt selbst. Hegels Vernunft war ein guter Kumpel der Wirklichkeit, beide schritten sie Hand in Hand voran, untrennbar voneinander. Man kann deshalb sagen, Hegel behält immer recht – egal, wer gerade siegt oder an der Macht ist. Auf ihn können sich stets beide Seiten, alle Parteien verlassen. Denn Hegels Philosophie ist nicht parteiisch, schlägt sich nicht auf eine von zwei Seiten, sondern über diese beiden hinweg. Sie ist die von allgemeinen geistigen Mechanismen, die durch die Zeiten und Gestalten hindurch ihre Gültigkeit bewahren.

Honecker war Fan

Was Hegel zu Beginn des 19. Jahrhunderts als dieses Geistige fasste, begriff Karl Marx einige Jahrzehnte später bereits als in Wahrheit Gesellschaftliches: Darum geht es im Satz von Friedrich Engels, Marx habe Hegel „vom Kopf auf die Füße gestellt“: Aus idealistischer Philosophie entwickelte Marx eine ökonomische und revolutionstheoretische Lehre, den dialektischen Materialismus. So idealistisch aber, wie gern behauptet wird, ist jener hegelsche Geist daher auch nie gewesen: Wenn Hegel die Wissenschaft vom Geistigen nicht in zutreffende Begriffe gefasst hätte, wäre es Marx nicht gelungen, diese auf eine materielle Basis anzuwenden.

Der hegelsche Korpus also konnte gewendet werden, ohne dass sich dabei sein Organismus änderte. Das aber heißt konkret nur, dass Hegel aktuell sein wird, solange die Gründe für seine Philosophie noch bestehen, oder, wie der Hegelianer Erich Honecker es formulierte: „… wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt werden“. Wer also fragt, wer denn nun recht behalte, Marx oder Hegel, dem kann man getrost antworten: beide.

 

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